Das Märchen von Sterntaler und Rabenhexe

Es war sehr kalt. Die Sterne funkelten. Um das große Kaufmannshaus, das am Rande des Marktplatzes stand, flogen sieben Raben durch die mondbeschienene Nacht. Ihre klagenden Schreie waren in den stillen Gassen weithin zu hören. Auf den Stufen vor dem Haus saß ein Mädchen und blickte zu den Sternen empor. Eine Träne stand auf ihren Wangen, sie weinte leise. In einem großen Bogen flogen die Raben näher, und einer nach dem anderen nahm neben dem Mädchen Platz. Sie hatten keine Furcht oder Scheu und schauten das Mädchen aus ihren runden Rabenaugen an, als wollten sie es trösten. «Ach, könnte ich doch mit euch fliegen!» sagte das Mädchen leise. «Ach, könnte ich doch alles hinter mir lassen und mich aufmachen in die Welt. Wenn ich doch nicht so alleine wäre, wenn ich doch Freunde hätte!»

«Kommst du wohl herein! Der Ofen ist kalt, der Tisch nicht gedeckt, die Brote nicht bestrichen, die Wäsche nicht gelegt!» Das Mädchen öffnete rasch die Augen. Die Raben waren verschwunden und sie saß allein und frierend auf der Treppe vor dem Haus. Hinter ihr war die große prachtvolle Tür einen Spalt breit aufgegangen und sie hörte die harte, meckernde Stimme des Kaufmanns dicht hinter ihr. «Glaubst du, wir lassen dich in unserem Hause wohnen, wenn du von früh bis spät auf der faulen Haut liegst und keinen Finger rührst? Auf der Stelle hinein mit dir, sonst setzt es was!» Fünf Minuten später saßen der Kaufmann und seine Frau am Frühstückstisch. Sie waren ungehalten, weil das Mädchen das Essen noch nicht gebracht hatte. Sie waren ungehalten, weil es in der Stube nicht warm genug war, da der Ofen noch nicht brannte. Sie waren ungehalten, weil sie so früh hatten aufstehen müssen. Sie waren einfach ungehalten. Eigentlich, dachte das Mädchen, waren sie immer ungehalten.

Das Mädchen betrat den Salon mit einem riesigen Tablett, beladen mit den herrlichsten Leckereien. Doch plötzlich geriet das Mädchen ins Straucheln. Für einen Moment sah es so aus, als könnte sie das Tablett noch rechtzeitig auf den Tisch abstellen, doch sie verlor das Gleichgewicht, fiel nach hinten, und Teller, Brot und Milchkrug flogen in hohem Bogen durch die Luft. Das Brot landete wie durch ein Wunder in den Armen des Mädchens, die Teller aber zerschellten am Boden. Und der Krug, bis zum Rand gefüllt mit Milch, ergoss sich über die Frau des Kaufmanns: Milch rann ihr aus den Haaren und über das Gesicht, das Kleid war klatschnass und Scherben lagen in ihrem Schoß.

Ein greller Blitz erhellte den Raum. Der Kaufmann hatte etwas Unverständliches geschrien, hatte einen dünnen Stab über seinen Kopf geschwungen und hatte ihn schließlich wieder auf das Mädchen gerichtet. Im letzten Augenblick sprang sie hinter den Stuhl der Frau des Kaufmanns in Deckung und der Blitz verfehlte sein Ziel. Doch nun waren sie beide hinter ihr her, auch die Frau hatte ihren Zauberstab gezückt und schleuderte gemeinsam mit ihrem Mann Blitze nach ihr. Wie durch ein Wunder gelangte das Mädchen durch die Tür aus der Stube, den Flur entlang und in die Küche, aus der Küchentür hinaus und auf die Straße. Ängstlich sah sich das Mädchen um. Sie war allein. Langsam kehrten die Erinnerungen an die letzten Momente im Haus der Kaufleute zurück. Noch immer hielt sie das Brot in den Händen, das sie aus der Küche des Hauses mitgenommen hatte. Sie konnte kaum fassen, was ihr passiert war. Die beiden hatten sie immer schlecht behandelt, seitdem sie sie aus dem Waisenhaus geholt hatten. Für ein paar Scheiben trockenen Brotes und einen Platz zum Schlafen in der Küche hatte sie von früh bis spät arbeiten müssen, ständig hatte man ihr mit Schlägen gedroht. Aber damit hatte sie nie gerechnet. Die beiden waren – , ja was waren sie den eigentlich? Zauberer? Und was hatte der Kaufmann gesagt? Wie die sieben anderen? «Willst du wissen, was wir in diesem Hause mit ungehorsamen, faulen Kindern machen? Wir bringen ihnen das Fliegen bei!» Was war aus diesen Kindern geworden? Wo waren sie jetzt? Und was sollte das heißen, das Fliegen beibringen?

«Sieben Kinder haben im Haus der bösen Kaufleute gewohnt. Nie konnten sie das Haus verlassen. Und man hat ihnen das Fliegen beigebracht, hat der Kaufmann gesagt. Und zu mir kamen des Nachts stets sieben Raben, wenn ich auf den Stufen vor der Tür des Hauses saß. Sie waren so freundlich und schauten mich voller Traurigkeit an, manchmal kamen mir ihre Augen fast wie die von Menschen vor. Ich will diese Raben suchen. Und wenn ich sie gefunden habe, dann will ich herausfinden, was sie bindet und wer über sie herrscht. In all der Zeit im Hause der bösen Kaufleute waren sie meine einzigen Freunde. Nun will ich sie suchen und von ihrem Fluch erlösen!»

So machte sich das kleine Mädchen auf den Weg. Hinaus aus der Stadt, durch Felder und Wälder, über Bäche und Flüsse. Nachts schlief sie zwischen Laub und Moos und tags aß sie von den Beeren des Waldes. Sie fror und sie hatte Durst. In der siebten Nacht wachte sie plötzlich auf. Um sie herum saßen die sieben Raben und schauten sie aus traurigen Augen an. «Seid nicht traurig,» sagte das Mädchen, «ich werde euch erlösen. Zeigt mir nur, wo ihr lebt und wer euch bindet.» Die Raben legten den Kopf schief und schauten sie unverwandt an. Dann hoben sie sich in die Lüfte und flogen davon, weiter in Richtung des höchsten Gipfels.

( … )Der große vogelartige Turm lag nun direkt vor ihr. Aus der Tür des Turmes aber trat ihr eine Gestalt entgegen, halb Vogel und halb Mensch, mit mächtigen Schwingen da, wo die Menschen ihre Arme haben, und mit einem langen gebogenen Schnabel statt eines Mundes. «Was willst du in meinem Reich?» fragte die Gestalt mit einer scharfen, hohen Stimme. «Ich bin auf der Suche nach den sieben Kindern, die im Hause des Kaufmanns unten in der Stadt gelebt haben. Es heißt, man brachte ihnen das Fliegen bei.» «Wieso kommst du damit zu mir?» fragte die Gestalt, die einer Hexe mit schwarzem Federkleid glich, «Was gehen mich die Kinder der Stadt an?» «Es sind die sieben Raben, die deinen Turm umfliegen.» antwortete das Mädchen. «Sie kamen des Nachts zu mir, als ich noch dem Kaufmann und seiner Frau diente. Nun haben sie mir den Weg zu dir gewiesen. Gib sie heraus, sie sollen frei sein und als Kinder in die Welt zurückkehren!» «Du hast Mut.» sagte die Rabenhexe und lachte verschlagen. «Doch wisse: wer meine Raben befreien will, der muss eine Aufgabe erfüllen. Sie ist ganz einfach, und doch kann es dir unmöglich sein, sie zu erfüllen. Gelingt es dir nicht, so gehörst du mir, auf immer und ewig. Bist du dazu bereit?» «Ich bin dazu bereit!» antwortete das Mädchen. «Was muss ich tun?»

( … ) Die Hexe wusste sehr wohl, dass das Mädchen nichts hatte und freute sich schon, dass es bald ihr gehören sollte und ein Rabe werden wie die anderen Kinder. «Ich will dir noch eine letzte Chance geben. Wenn du auch das Brot nicht mehr hast und den Pullover, so sollst du doch die Kinder befreien, wenn du mir tausend goldene Taler gibst.» Da begann das Mädchen zu weinen. «Ich habe keine tausend Goldtaler!» sagte es. «So wirst du auf ewig mir gehören.» sagte die Hexe. «Wie überaus dumm von dir!»

Das Mädchen schaute verzweifelt in den Himmel, der schwarz geworden war. Es war Nacht. Die Sterne leuchteten kalt herab. Die Raben flogen um den hohen Turm herum, der aussah wie ein großer gefräßiger Vogel, und ihr Gesang klang trauriger und sehnsüchtiger als jemals vorher. «Ach, ihr Sterne!» rief das Mädchen. «Ihr ward bei mir wie die Raben, jede Nacht. Könnt ihr mir nicht helfen?» Doch nichts geschah, der Himmel blieb schwarz und leer und der verzweifelte Gesang der Raben erfüllte die Dunkelheit. Da sagte das Mädchen: «Ich kann dir kein Brot mehr geben, denn ich gab es einem Hungrigen. Ich kann dir meinen Pullover nicht geben, denn ich gab ihn einer Frierenden. Ich kann dir keine goldenen Taler geben, denn ich habe noch nie in meinem Leben etwas besessen. Doch mich kannst du haben, für immer und ewig haben, wenn du die Kinder gehen lässt.»

Wie es ausgeht? Na, seht und hört selbst!