Triumph der Solistin

Landeszeitung Lüneburg 2.2.2016

Meisterkonzert mit Thomas Dorsch und der Nordwestdeutschen Philharmonie

In Bestform präsentierte Lüneburgs Musikdirektor Thomas Dorsch die Nordwestdeutsche Philharmonie aus Herford im gut besuchten Theater. Das noble Violinkonzert Mendelssohns bildete Auftakt und Zentrum des dritten Lüneburger Meisterkonzerts – mit der hinreißend gefühlvoll spielenden Violinistin Tanja Becker-Bender als Solistin. Den Rest der Konzertzeit füllte eine der umstrittensten romantischen Sinfonien, die 3. in d-Moll von Anton Bruckner, die zwischen 1872 und 1890 immer wieder umgearbeitet wurde: Ein „überbordender Kosmos“, schreibt Dorsch im Programmheft, „der in den drei Fassungen nur mit Mühe und Not auf eine dem Publikum aushaltbare Länge von einer Stunde gestutzt werden konnte“. Schwer zu spielen ist dieser Kosmos, die Sätze sprengen die klassische Form, unzählige unterschiedliche Motivfetzen scheinen sich in konzentrischen Kreisen durch frei gestaltete, harmonisch aufgewühlte Gefilde und magisch-transzendente Klänge zu bewegen. Bruckner, der Leben, Musik und Glauben als Einheit erlebte reihte Alltägliches und Sakrales aneinander, ließ etwa im Finale zu einem Kirchenchoral Wiener Tanzmusik erklingen. Das sei wie im Leben, hat er einmal gesagt, als er während eines Spaziergangs einen Mann auf dem Totenbett erblickte und dabei aus einem Nachbarhaus Tanzmusik hörte. Thomas Dorsch, der das zu den wichtigsten Sinfonien überhaupt zählende Opus in all seinen Schattierungen in- und auswendig kennt, ließ die Herforder transparent und zugleich sehr eindringlich musizieren, akzentuierte präzise, bereitete und zerriss Klangteppiche, betonte bohrende Motivspiralen und grandiose dynamische Aufschwünge sowie atmosphärisch Meditatives. Für die wechselvolle, in gut nachvollziehbaren Tempi gebotene Interpretation gab es starken Beifall. Zuvor aber Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert: Dass es eines der Solokonzerte der gesamten Violinliteratur ist, die besonders dankbar sind für zartfühlendes, dabei äußerst kultiviertes Spiel, machte Tanja Becker-Bender schon nach wenigen Takten deutlich. Mit brillanter Technik ausgestattet, konzentrierte sich die Künstlerin auf die emotionale Inspiration, die dieser Musik selbst noch in den virtuosesten Passagen innewohnt. Vom gut vorbereiteten Orchester angefeuert, unterstützt, klangschön begleitet, musizierte die Solistin mit außergewöhnlichem Detailbewustsein und anrührender Innigkeit. Die seltenen Qualitäten ihres akkuraten, sehr vitalen und warmtönigen, noch in der kürzesten Wiederholungsphase variierten Spiels erkannte das Publikum und forderte stürmisch Zugaben: Tanja Becker-Bender dankte mit der fantasiereich interpretierten Caprice Nr. 24 von Paganini und dem geradezu asketisch rezitierten, gestalteten Largo aus Bachs Solosonate C-Dur.

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