Bach als Ideenlieferant – Meisterkonzert: Wie Alban Berg, Johannes Brahms und Anton Webern dem Barockmeister huldigen

Landeszeitung Lüneburg 13.10.2015

Thomas Dorsch drohte schon mit einem zweiwöchigen Seminar über phrygische und lydische Kirchentonarten. Es wäre ja so viel zu sagen zu dem Thema, das der Musikdirektor über das erste Meisterkonzert der Saison spannte: „Bach – Das geistige Zentrum der Musik“. Bei Bach stibitzten sie alle, an diesem Abend war es bei Alban Berg, Anton Webern und Johannes Brahms auf unterschiedlichste Weise zu erfahren.

Ob Dorsch und die Lüneburger Symphoniker gut beraten waren, die Basiskraft Bach mit seiner sehr früh geschriebenen Kantate „Nach dir, Herr, verlanget mich“ vorzustellen, sei dahingestellt. Da gibt es Besseres, und spürbar war, dass Musik Kontext braucht, auch räumlicher Art. Die Wiedergabe war zudem mehr von Arbeit als von Inspiration gekennzeichnet; Franka Kraneis, Dobrinka Kojnova- Biermann, Timo Rößner und Ulrich Kratz waren Chor und Solisten zugleich, schlugen sich mit den Instrumentalkollegen wacker. Der tiefere Grund für die Werkwahllag darin, dass sich Johannes Brahms beim Schluss-Chor der Kantate bediente und vier Takte eines Basso-continuo-Themas in seiner vierten Symphonie aufgriff. Das Brahms-Werk stand am Ende des Abends, und hier zeigten sich die Musiker in höchstem Maße inspiriert. Die Symphoniker bewiesen die Klasse, mit der sie sich bei Thomas Dorsch weiterentwickelt haben. Sie produzieren einen geschliffen scharfen, zugleich emotional farbenreichen und gläsern transparenten Sound. Sie lassen eine Unzahl von Facetten aus dem komplexen, so beiläufig beginnenden Werk leuchten. Klangschwelgereien im Andante bekommen Wärme und werden bald vom stürmischen, dritten Satz mit seinen verschobenen Rhythmen konterkariert. Detail und großer Bogen werden im Finale, das auf Bachschem Formprinzip aufbaut, zu Geschlossenheit geführt; Das gab langen, großen Beifall.
Dass der Saal nicht ganz so voll war wie sonst, lag wohl an dem, was zwischen Anfang und Ende stand. Zwölftöner Alban Berg schreckt noch ab, dabei steckt sein Violinkonzert voll offener und versteckter Schönheiten. Solist Carlos Johnson mischte mit hochsensiblem Spiel viel Emotion in das analytische kompositorische Geflecht. Geradezu sanft arbeitete Dorsch das Bach-Zitat („Es ist genug“) und seine Verarbeitungen heraus, sie leuchten wie von innen. Am Ende lässt Berg die Geige gar gen Himmel steigen – und Carlos Johnson erdete das Publikum mit einer Filmmusik-Zugabe. Noch eine Bach-Verarbeitung stand auf dem Programm, auch sie fand eine plastische, konsequente und schlüssige Ausdeutung: Anton Weberos klangfarbenspielerisches Sezieren des sechsstimmigen Ricercare aus dem Musikalischen Opfer.

%d Bloggern gefällt das: