Jeder muss mit der Zeit gehen

Jeder muss mit der Zeit gehen

Lüneburg.12. März 2019

Die Zeit, wird die wichtigste Frau des Abends sagen, die ist ein sonderbares Ding. Sie zieht an uns vorüber wie die Wolken, die am Himmel Licht und Schatten malen. Was mit einer rauschenden Liebesnacht mit einem jungen Knaben beginnt, mündet für sie, die ins Altern kommende Feldmarschallin, in die Erkenntnis, dass sie mit der Zeit gehen muss, ihren jungen Liebhaber nicht halten kann. Aber mit dem Lieben ist‘s ja damit nicht vorbei, schließlich handelt es sich um eine musikalische Komödie. Eine, die fürs Lüneburger Theater viel zu groß sein könnte. Aber nun hat der „Rosenkavalier“ von Richard Strauss eine Lüneburger Fassung bekommen, und das Publikum feiert einen Rausch aus Musik und Herz und Schmerz.

Es fehlen an diesem denkwürdigen Abend – theoretisch – rund 60 Musiker und 30 Minuten. Richard Strauss war ein Mann der großen Dimensionen. Sein „Rosenkavalier“, 1911 uraufgeführt, stieg aber nicht wegen der gut hundert Musiker und der gut vier Stunden Spielzeit zum Klassiker des 20. Jahrhunderts auf. Die Qualität liefern zwei andere Dinge. Sie beruht auf einem Reichtum an Klangfarben, der den Orchesterpart unaufhörlich schillern lässt, das Geschehen unterstreichend, kommentierend, kontrastierend. Zum anderen wird eine Geschichte erzählt, die zwar operettig daherkommt, aber gedankliche Tiefe entwickelt und allen seichten Schein verblassen lässt.

„Lüneburger Fassung“ öffnet die Oper kleineren Theatern
Der Erfolg dieses Abends hat zwei Väter. Thomas Dorsch hat in monatelanger Arbeit eine „Lüneburger Fassung“ erstellt, angelegt für gut 40 Musiker, sodass die Oper für kleinere Bühnen spielbar wird. Dorsch folgt den unbeschreiblich vielen Nuancen des durchkomponierten Musikdramas, der Ton scheint sogar etwas lichter, eine Spur intimer, reicher in der Dynamik zu wirken.

Mehr Klangfülle als an diesem brausenden Kraftaktabend ist im Lüneburger Theatersaal weder denkbar noch wäre sie ohrenschonend. Es gibt wenig ruhige Momente, nur kurzes Innehalten und Atemholen. Die Sinfoniker und ihr Dirigent, der immer die Balance zu den Sängern findet, leisten ganz Großes. Sie spielen wahnsinnig aufmerksam, immer präzise und leidenschaftlich.

Vater zwei ist Regisseur Hajo Fouquet, der die Geschichte in klaren, sinnstiftenden Bildern erzählt, gestrafft auf drei Stunden 30 Minuten. Alle wesentlichen Personen auf der Bühne erleben, wie ihrem sicher geglaubten Lebensfundament die Stunde schlägt. Stefan Rieckhoffs Bühnenbild führt über die Personen hinaus: Es zeigt, wie unter dem ewigen Zug der Wolken das überkommene, verdorbene, noch vom Adel geprägte Machtgefüge versinkt.

Für den Untergang des selbstgefälligen Adels, der die eigene Moral über alles stellt, steht der Baron von Ochs. Ochs, Vertreter des absteigenden Landadels, will aus Geldnot die Tochter Sophie des Waffenhändlers von Faninal heiraten. Doch sie wird den Frauenbegrapscher ablehnen. Ochs ist so sehr Verlierer des Abends wie sein unaufhörlich und mörderisch geforderter Darsteller Gewinner ist. Martin Blasius, als Gast gebucht, porträtiert den hornigen Ochs mit großer Erfahrung, entsprechend gelassener Souveränität noch in schwärzester Basstiefe und mit viel Witz im Spiel.
Die von ihrem Altern melancholisierte Feldmarschallin wird von Signe Heiberg vom Himmel gen Erde geführt. Heiberg lässt das voluminöse Potenzial ihrer Stimme aufblühen und findet dazu anrührend Ausdruck für innere Verletztheit und Verunsicherung.

Die Wolken ballen sich, doch der Himmel klart wieder auf
Ihr Liebhaber Octavian steht vor der Qual, sich entscheiden zu müssen: die erste Liebe, also die Feldmarschallin, oder die junge, frische? Jugend siegt – nach Zögern. Regina Pätzer bringt schlanke Beweglichkeit in die nahezu in jedem Moment herausfordernde (Hosenrollen-)Partie. Es passt einfach, was sie singt und spielt, allein oder in den großen Ensembles.

Octavians junge Liebe, die Sophie, durchschreitet in schnellen Schritten einen Prozess: gerade noch naiv schwärmerisches Barbie-Püppchen, schon mitgerissen von einer Liebe, die durch Leib und Seele fährt, bis hin zu Zweifeln, ob Liebe so klar und rein ist, wie sie sich das vorgestellt hat. Die Wolken hinter Octavian und Sofie ballen sich zusammen, aber es klart doch wieder auf. Franka Kraneis gibt wandlungsreich der Sofie eine immer präsentere, charaktervollere Stimme für den Prozess vom Mäuschen zur Frau.

Noch einer lernt dazu, der neureiche Herr von Faninal. Die jungen Leute lassen sich nicht mehr verheiraten, sie machen ihr eigenes Ding. Für Ulrich Kratz ist der zum Posieren neigende Faninal eine ideale Rolle.
So aufgeregt und aufregend die Musik, so vielfarbig sind die weiteren Figuren, die auch in kürzeren Parts hohe Qualität beweisen müssen. Zum Beispiel der Sänger, der mit großer italienischer Oper auftrumpft, das ist eine Sache für Karl Schneider.

So prägnant und punktgenau die Regie von Hajo Fouquet ist, sie hat auch ihre albernen Momente. Es ist ja eine Komödie. Für diese ist etwa – recht plakativ – die sturzbesoffene Bagage des Baron Ochs zuständig.
Eins noch zum Schluss: Die Feldmarschallin, deren eigentlicher Mann in fernen Ländern herumpirscht, sie geht am Ende nicht leer aus.

Von Hans-Martin Koch

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