Eine hervorragende neue Folge von Thomas Dorschs Woyrsch-Sinfonien

Eine hervorragende neue Folge von Thomas Dorschs Woyrsch-Sinfonien

Woyrsch, Felix: Symphonies 4 & 5 – NDR Radiophilharmonie, Thomas Dorsch
Gelungener Wechsel

Label/Verlag: cpo

Eine hervorragende neue Folge von Thomas Dorschs Woyrsch-Sinfonien.

Ein Wechsel kann ein Problem sein – etwa wenn ein Dirigent eine CD-Reihe durch den Abschied von seinem ‚Stammorchester‘, mit dem er das Projekt begonnen und das er sich mit ‚seinen‘ Musikern ganz zu eigen gemacht hat, die Stelle wechselt. Thomas Dorschs Abschied aus Oldenburg hat im vorliegenden Fall keinerlei negative Folgen gehabt – vielleicht sogar fast im Gegenteil: Mit der NDR Radiophilharmonie Hannover steht ihm nun eines der besten Rundfunksinfonieorchester Deutschlands zur Verfügung, das über eine unendliche Menge an Klangfarben verfügt, das bestens aufeinander eingespielt ist, das sich auch in ungewöhnlichem Repertoire nicht unwohl fühlt. Insbesondere letzteres ist wichtig – wird so doch ‚vorsichtiges‘ Spiel vermieden, das jene Orchester, die ein bestimmtes Repertoire nicht gewöhnt sind, nicht selten an den Tag legen.

Nicht um jeden Preis modern

Hier haben wir nun Felix Woyrschs (1866–1940) Sinfonien Nr. 4 und 5 opp. 71 bzw. 75, die in den Jahren 1930 bzw. 1935 fertiggestellt wurden. Die Musik ist ganz und gar nicht ‚zeitgemäß‘, wenn man Klänge à la Stravinsky, Bartók oder Schönberg erwarten sollte. Da ist kein Neutöner am Werk, vielmehr haben wir hier einen ‚breiten‘ nachromantischen Klang, wie man ihn etwa in Wilhelm Furtwänglers Sinfonien oder bei Pfitzner entdecken kann – aber mit einer Prägnanz sowohl struktureller als auch kompositionstechnischer Natur, die Furtwänglers Ziel nicht war. Die Harmonik schuldet ihren Teil Reger, Schreker und Konsorten, doch das ist nicht despektierlich gemeint: Da ist ein Komponist, der seine Sprache gefunden hat und nicht um jeden Preis modern sein muss – ein Vergleich mit dem vier Jahre jüngeren Richard Strauss liegt nahe. Woyrschs Klangsprache ist weniger auf Brillanz denn auf in sich schlüssige Farbwirkungen bedacht – eine nicht untypische Eigenschaft von ‚Alterswerken‘.

Die Virtuosität, mit der Woyrsch seine konzeptionell durchaus traditionell angelegten Viersätzer mit unerwarteten Wendungen, Konstellationen, Farben und Texturen (etwa im kontrapunktisch reichen Scherzo der Vierten, das er ironisch ‚Menuett im Rokokostil mit Variationen‘ überschrieben hat, oder im elegisch-schwelgerischen langsamen Satz der Fünften mit ‚Wagner-Bruckner-Brahms-Wagner-Reverenz‘), ist schlichtweg atemberaubend. Im Vergleich zur Vierten mag die Fünfte noch ein wenig konventioneller in der Faktur sein, doch haben wir hier einen Komponist klarer innerer (und musikalisch äußerer) Struktur, dem bei allem Anspruch sein Orchester am Herzen liegt und der vom Kontrapunkt auch hier keineswegs lassen kann – und der sich hier umfassend regelrechten ‚Insider-Späßen‘ von ‚Fremdzitation und -reverenz‘ ergibt (denen leider im ansonsten äußerst umfangreichen Booklet nicht nachgegangen wird). Die außerordentlich klare Klangdarstellung durch die NDR-Tontechnik, die Weite, Balance, Farbstaffelung und vor allem Wärme transportiert, rückt die kongenialen Interpretationen der Niedersachsen ins allerbeste Licht.

Komplettiert wird die CD durch Woyrschs letzte Komposition überhaupt (die leider nicht exakt datierbar zu sein scheint), die Gartenszene aus ‚Szenen zu Goethes Faust‘ – den einzigen komplettierten (Mittel-)Satz einer projektierten dreisätzigen Suite. Woyrschs Texturen sind hier wieder ganz anders, introvertierter, verhaltener, dürrer im Ton. Leider ‚drückt‘ der Cellosolist etwas zu sehr auf Vibrato und Portamento, doch wird die Poesie der Szene hierdurch kaum beeinträchtigt. Insgesamt eine hochwillkommene Fortsetzung der cpo-Woyrsch-Reihe, die hoffentlich noch weiter fortgesetzt wird.

 

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