Vielfarbige Leuchtfeuer im philharmonischen Alltag

Vielfarbige Leuchtfeuer im philharmonischen Alltag

URAUFFÜHRUNG VON THOMAS DORSCHS BALLETTSUITE IN DER KONZERTROTUNDE BAD REICHENHALL

Vielfarbige Leuchtfeuer im philharmonischen Alltag

Bad Reichenhall – Das achte Sinfoniekonzert dieser Saison in der Reihe „Junge Künstler in der Philharmonie“ verwöhnte die Zuhörer mit einem schillernden Spektrum unterschiedlicher Klangformationen.

Was hierbei an einem normalen Wochentag an erstklassigem Musizieren angeboten wurde, verdient das Attribut außergewöhnlicher Besonderheit im Rahmen einer Kurmusik und untermauerte einmal mehr das „Alleinstellungsmerkmal“ der Bad Reichenhaller Philharmonie in ihrer Vielseitigkeit und Qualität.

Zu Gast waren der Lüneburger Musikdirektor Thomas Dorsch und der junge polnische Pianist Mateusz Kurcab. Dorsch dirigierte mit präsenter Umsicht. Seine Bewegungen suggerierten den Eindruck als wolle er den Klang spezifisch modellieren. Der daraus resultierende Orchesterklang konnte sich hören lassen.

Als große Klavierbegabung reüssierte Kurcab im zweiten Teil. Mit dem Klavierkonzert Nr.2 G-Dur op.44 hatte der junge polnische Pianist Mateusz Kurcab einen brillanten Auftritt.

Er ist Stipendiat der Münchner Musikhochschule und promoviert an der Musikakademie in Krakau. Wohl wegen seiner Überlänge findet sich das 2. Tschaikowski-Konzert eher selten auf den Konzertpodien.

Dialog zwischen Klavier und Orchester

Kurcab spielte es mit Bravour und musikalischem Empfinden, gab hörenswerte Impulse und rhythmische Präsenz. Das Klavier war meistens im Alleingang unterwegs im Wechsel mit dem ebenso ausführlichen Orchesterpart. Es war weniger ein Miteinander als ein Dialog zwischen langen Klavier- und Orchesterpassagen. Das gab dem Pianisten die Chance, sozusagen kadenzierend solistisch zu glänzen.

Im Gegenzug führten im Orchester Sophie Ferges Violine und Hendrik Blumenroths Cello ein anregendes, intensiv sich ineinander verflechtendes Zwiegespräch. Natürlich setzten auch wiederholt Flöte, Oboe, Klarinette und die übrigen Bläser ihre leuchtenden Signale dazu im blendenden sinfonischen Gesamteindruck.

Zuvor zu Beginn des Konzerts umschmeichelten die leise murmelnden Celli und Bässe gefolgt von den Violinen die Ohren mit den düster geheimnisvollen Eingangstakten zur „Unvollendeten“ von Franz Schubert. Klarinette und Oboe lichteten dann mit zauberisch kantablem Thema das Dunkel auf. Die charakterisierende, romantisch ans Herz greifende Melodik fand immer wieder ihre unvermittelten Brüche in wilden dämonischen Ausbrüchen der vollen Klangfülle.

Solches Wechselspiel durchzog den ersten Satz als Spiegelung sehnsüchtiger Liebe und schmerzlichen Aufbegehrens im Ausdruck seelischer Konflikte. Romantische Idylle und feine melodische Linien zauberten Bläser und Streicher im zweiten Satz, mit pulsierender Steigerung dazwischen, um dann in friedvoller Schönheit auszuklingen.

Dorsch beeindruckte sodann mit der als Uraufführung deklarierten Suite aus seinem Ballett „Das Buch von Blanche und Marie“. Aus der abendfüllenden Ballettmusik hat Dorsch zehn Basisthemen herausgefiltert und zu einer Suite zum Konzertgebrauch verarbeitet.

Auf Anregung des Lüneburger Ballettdirektors Olaf Schmidt schuf Dorsch diese Ballettmusik nach dem Roman von Per Olov Enquist. Das tragische Sujet dreht sich um die Wissenschaftlerin Marie Curie und deren Erforschungen der Radioaktivität sowie um die berühmte Patientin Blanche Wittmann des französischen Neurologen Jean-Martin Charcot in der Pariser Sâlpetrière 1850 und um die verbotene Liebe, die Marie und Blanche erleben.

Der zerstörerischen Kraft der Radioaktivität erliegen am Ende beide. Das Schwingungsumfeld der Psychiatrie und der gefährlichen Strahlung, dazu die Spuren zu Freuds Psychoanalyse waren die programmatischen Vorgaben für Dorschs Musik. Die starken Bilder inspirierten ihn zu reichen bildhaften Tonkreationen. Im Stil des „Fin de Siècle“ bewegt sich seine Klangpalette, die auch in die Moderne schwenkt, aber tonal fasslich bleibt und anschauliche musikalische Aquarelle mit ineinanderfließenden Farben malt.

Beim Zuhören kann man sich, bei aller Tragik der Handlung, gut eine moderne Tanzchoreografie zu den Klängen vorstellen, die in Verbindung mit dem Tanz ihre Wirkung vermutlich verstärken. Zum reinen Hörerlebnis muss nicht unbedingt die programmatische Vorgabe mitschwingen, auch wenn sie die verschiedenen irisierenden Farben, rhythmischen Akzente, Ausbrüche und Feinzeichnungen näher zueinander in Bezug setzt. Violintriller, Harfe und Flöte schienen die Titelfiguren zu charakterisieren.

Instrumentales Irrlichtern war zu hören, harte rhythmische Akzente, reiche differenzierte Schlagwerkeinsätze und Paukenschläge. Dazwischen fanden sich immer wieder fein gesponnene melodische Bögen. Nervige Flötensoli wechselten mit tremolierenden Geigen und tiefem Bläserchoral, Streicherpizzicati mit immer drängenderen dramatischen Steigerungen im sinfonischen Zuschnitt bis zum Erliegen der Lebenskraft. Eine interessante musikalische Begegnung.

Blumen und viel Applaus am Ende eines bemerkenswerten Konzertabends.

Pressemitteilung Bayerisches Staatsbad Kur-GmbH Bad Reichenhall/Bayerisch Gmain

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