5. Meisterkonzert – Gustav Mahler * II. Sinfonie c – moll ‚Auferstehungs-Sinfonie’

Hier zwei neue Rezensionen!

Hildesheimer Allgemeine Zeitung vom 21. April 2015

Die Sinnfrage
TfN -Sinfoniekonzert in Michaelis unter Thomas Dorsch
VON BIRGIT JÜRGENS

Einen gewaltigen Orchesterapparat und einen kolossalen Chor, eine Solo-Sopranistin und Solo-Altistin sieht Gustav Mahlers abendfüllende Symphonie Nr. 2 c-Moll vor. Schon diese Ausmaße erschweren bis heute die Aufführungsmöglichkeiten. Doch nun kommt nach dem jüngsten Sinfoniekonzert der TiN-Philharmonie, in dem der Zerstörung Bildesheims vor 70 Jahren gedacht wurde, mit diesem Werk im 4. Sinfoniekonzert die Wiederauferstehung Bildesheims nach dem Krieg symbolkräftig in die St.-Michaelis-Kirche. Die Hildesheimer Erstaufführung der .. Auferstehungs-Symphonie •, die diesen Zusatz aus dem Text des Schlusschors auf Worte von Friedrich Gottlieb Klopstock trägt, überwältigt. Unter der brillanten Leitung von Thomas Dorsch, Musikdirektor am Theater Lüneburg, herrscht im Gemeinschaftskonzert Hochspannung. Es wirken mit die TfN-Philharmonie mit den Lüneburger Symphonikern, den TfN-Chören und Mitgliedern Hildesheimer Kantoreien (Einstudierung: Achim Falkenhausen), Chören des Theaters Lüneburg (Einstudierung: Deborah Coombe), dem Chor des Werner- von-Siemens-Gymnasiums Bad Harzburg (Einstudierung: Tibor Stettin) und den Solistinnen Antonia Radneva (Sopran) und Kristin Darragh (Alt). Die Sinnfrage nach dem Leben und Sterben, die Mahler in sein Werk legte, entfaltet in der Kirche exorbitante Wirkungen. Die Extreme des durch und durch dynamischen Werks bringt Dorsch in jedem Klangfenster auf den Punkt. Die Orchester und Chöre stehen dabei stets für den großen, gemeinsamen Nenner, der das Werk trägt. Die aufwühlende Unruhe und gewaltige Kraft des Erngangssatzes steigt und fällt im Stimmungsbarometer dieser Musik. Die massiven Gegensätze arbeitet Dorsch vollkommen präzise heraus und schafft dabei von kaum hörbaren Tönen bis zum bebenden Klangzittern eine differenzierte musikalische Breite, die vollkommen überzeugt. Hier führen das dunkle Hämmern und die traumhaften Sequenzen direkt in die Weiten der Mahler’schen Musikwelt Auch die nuancierten Gegensätze zwischen Dramatik und idyllischer Glückseligkeit, die Vielschichtigkeit und die Fülle an ernsten, heiteren, mitunter tonsprachlich ironisch und derb gezeichneten Momenten, wie sie im dritten Satz entfaltet werden, durchdringt Dorsch intensiv mit den homogenen Musikern. Die Choral-Färbung des .. Urlicht“ aus .. Des Knaben Wunderhorn“ mit der Solistin Kristin Darragh bewegt. Die innigen Töne bleiben von schlichter Schönheit und gläubiger Sehnsucht erfüllt. Die massiven Stimmungen und Finessen des Schlusssatzes, die tobenden, voranschreitenden Kämpfe ziehen unter Dorschs energischer und präziser Leitung transparent und zugleich gewaltig aus der Nähe und Ferne auf. Die finalen Gesänge .. Auferstehn, ja auferstehn wirst du“ mit den Chören, der nach wie vor innigen, feinen und stets stabilen Stimme Darraghs und Radnevas zarte Tongebungen finden volle Erfüllung im strahlenden Orchesterglanz. Den 566 begeisterten Zuhörern wird bis zum letzten Zusammenklang höchste Qualität geboten. Da kann und darf der minutenlange Beifall gar nicht ausbleiben.
Landeszeitung Lüneburg vom 22. April 2015

MEISTERKONZERT: ES GEHT AN DIE GRENZE
hjr Lüneburg.
Jäh stürzt die Musik ab, versinkt in Tiefen, die sich bedrohlich aufreißen. Es könnte der Blick in ein Grab sein. Dann türmt sich der Klang wieder auf. als gelte es, dem Schicksal zu entrinnen. Es donnert, blitzt ballt sich: Fortissimo spitztsich der Klang zu, bevor sich aus dem tosenden Maestoso ein Anflug von Harmonie herausbildet. Gustav Mahler (1860-1911) fordert die Mitwirkenden und Zuhörer gleichermaßen. Seine ausladende „Auferstehungssymphonie“ in c-Moll spannt den Bogen bis an die Grenze der Erträglichkelt und fällt doch nie in plakative Effekte. In der gut besuchten johanniskirehe gelang dem Doppelorchester aus Lüneburger Symphonikern und HildesheimerTfN-Philharmonie, den Theaterchören beider Städte sowie den Solistinnen Antonia Radneva und Kristin Darragh unter Leitung von Thomas Dorsch eine fulminante Wiedergabe.
Das Werk dreht die Perspektive in fünf Sätzen von besinnungsloser Trauer bis zur Ahnung einer möglichen Erlösung. Weltschmerz-Musik nannten einige die Komposition. Es ist aber das unzureichende Etikettfür die Mahler-Symphonie, weil zu kurz gedacht. Sie bewegt sich zwar bevorzugt an der Kante drückender Finsternis, doch lichtet sich das Dunkel mit Bedacht schon im zweiten Satz deutlich. Einen ganzen Seelenkosmos hat der Künstler geschaffen, tief anrührend und jenseits oberflächlicher Klangmalerei. MahlervariiertVeränderungen in Tempi und Dynamikschlicht grandios.
Schon im vergangenenjahr bewiesen die für ein Programm fusionierten Orchester aus Lüneburg und Hildesheim die Synergie dieser Kooperation: So viel Wucht schaffen sie nicht im Alleingang. Thomas Dorsch führte beide Orchester und im letzten Satz die zwei Chöre souverän zusammen, dirigierte straff, lotete die Kontraste hervorragend aus, akzentuierte gerade die zurückhaltenden Momente und vermied in den lautstark pulsierenden Phasen hohles Pathos. Das funktionierte vorzüglich. Der Klang blieb immer erfreulich transparent trotzdem satt und von überflüssiger Ornamentik befreit.
Leonard Bernstein sah in Mahlers genialem Opus einen Kassandraruf, der das Unheil des 20. Jahrhunderts antizipierte. Mag sein. Auch in der Verkleinerung auf Einzelschicksale bleibt die Partitur ergreifend, mit einer emotionalen Dichte, die nur ganz wenige Werke aufweisen, besonders durch das schroffe Nebeneinandervon gnaden IoserVerzweiflung und keimender Hoffnung. Im vierten Satz sang Kristin Darragh berückend „0 Röschen rot“ aus „Des Knaben Wunderhorn“, im Finalsatz gestaltete sie mit der ebenfalls hervorragend disponierten Sopranistin Antonia Radneva Verse aus Klopstacks Gedicht „Auferstehn“. Strahlkraft entfaltete sich, verstärkt durch den Lüneburg-Hildesheimer Doppelchor. Ein Schluss, der das Publikum nach einerwahren Apotheose in die Stille des Nachsinnens entlässt. Eine geschlossene, großartige Leistung gab es in diesem Meisterkonzert zu bestaunen. Langer, heftiger Beifall. Die Allianz der beiden Theater sollte unbedingt eine Fortsetzung erleben.

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